Archiv nach Monaten: Januar 2009

Filmchen

Es war Viertel nach 5. Ich war gerade aufgewacht. Mein Kopf fühlte sich an als hätte mir jemand mit einem Korkenzieher das Hirn entfernt. Meine Hände zitterten.
Ich war in meinen Klamotten eingeschlafen. Meine Erinnerung an die Nacht davor war stark verschwommen. Eigentlich konnte ich mich nur noch daran erinnern, daß ich mein letztes Geld einem weinenden Mädchen mit den Worten, „Hier wisch dir damit die Tränen aus dem Gesicht“, geschenkte hatte. Ich durchsuchte also zuerst einmal die Kleider, die ich am Leib hatte, ob ich auch nichts verloren hatte während meines nächtlichen Ausflugs.
Rechts mein Schlüssel und mein wichtigstes Werkzeug während meiner Streifzüge, das Feuerzeug; Licht, Waffe und Bieröffner vereint;
Links eine leere Zigarettenschachtel, ein benutztes Papiertaschentuch und etwas Kleingeld;
Ich dursuchte meine Jacke nach irgendwelchen unsäglichen Flugzetteln; eine meiner, zumindest für mich, schlimmsten Angewohnheiten wenn ich betrunken bin, ist es alle möglichen Zettel einzustecken, egal ob sie mich interessieren oder nicht. Was der Antrieb dafür ist? Ich habe da meine Vermutungen.
Dazu aber vielleicht ein Andermal mehr.
Beim Kramen in meiner Jacke fand ich dieses Mal allerdings keine Flyer sondern nur einen Briefumschlag.
Neugierig öffnete ich ihn. Doch was ich dann dem, darin enthaltenen, Brief entnahm liess mich wieder rückwärts in meine Schlafstätte fallen.

„Wir beobachten Sie und Ihre Missetaten nun schon eine Weile Herr Montenegro. Wir haben Fotos von Ihrer ‘Aktion’ am X.XX. Als gute Bürger sehen wir es als unsere Pflicht an diese an die zuständigen Behörden weiterzugeben um ihnen endlich das Handwerk zu legen. Falls Sie jedoch zur Kooperation mit uns bereit wären würden wir davon absehen rechtliche Schritte gegen Sie einzuleiten. Dazu müssten wir uns am X.X. treffen und Sie bringen uns die Summe XXX mit.[Danach folgte die genau Ortsbeschreibung des Treffpunkts und die Uhrzeit]„

Meine Hände fingen an zu schwitzen, mein Magen rumorte, mir wurde schlecht. Erst einmal brechen.
Ich spülte meinen Mund mit Wasser. Danach versuchte ich einen klaren Kopf zu fassen. Das gelang mir allerdings nicht. Die Summe war nicht sonderlich hoch, mir machte mehr Sorgen, daß ich scheinbar seit einer gewißen Weile beobachtet wurde. Außerdem hatte ich keine Ahnung was ich bei der sogenannten ‘Aktion’ getan haben sollte. Schlimme Bilder entstanden in meinem Kopf. Dass ich zahlen würde war keine Frage.
Ich schaute nach was meine Hausbank, so nenne ich den alten Geldbeutel, in dem ich abundzu etwas übriggebliebenes Geld ablege, sprach. Es war genug da für die Erpresser.
Den Rest legte ich in eine Flasche Gin, einen Träger Bier und eine Bratwurst an.
Die Übergabe sollte bereits am nächsten Tag stattfinden. Schlafen erschien mir undenkbar, zumindest bevor ich sechs Bier und die Hälfte des Gins geleert hatte.
Irgendwann gegen 4 Uhr schlief ich ein.
Als ich am nächsten Tag endlich erwachte und auf meine Uhr blickte, musste ich feststellen, daß ich bereits eine halbe Stunde zu spät war.
Panikartig verließ ich das Haus, ungewaschen, stinkend nach Schnaps.
Als ich mich endlich im Zug, in Richtung des vereinbarten Treffpunktes, befand, bemerkte ich das mein Magen die Gin-Bier-Bratwurst-Diät der letzten Nacht nicht vertragen hatte. Er grummelte und brummte vor sich hin. Und ich spürte einen unglaublichen Druck. Etwas gasförmiges wollte aus mir herausbrechen. Der Zug war voller Menschen, ich riss mich zusammen, unter größten Schmerzen.
An meinem Ziel angekommen hatte der Druck ein Ausmaß angenommen, daß ich nur noch sehr langsam gehen konnte. Zum Glück war der Treffpunkt nur noch einige Straßen entfernt.
Als ich mich endlich im Freien, außerhalb des Bahnhofs befand, versuchte ich mir Erleichterung zu verschaffen, ohne Erfolg. Ich presste und presste, meine Magenschmerzen wurden immer schlimmer, doch das Gas wollte nicht entweichen.
Ich schleppte mich weiter.
Am Treffpunkt standen ein Mann und eine wenig hübsche Frau.
„Sie sehen gar nicht gut aus, Herr M. Nicht daß sie für gewöhnlich einen gesunden Eindruck machen, aber heute sehen sie wirklich erbärmlich aus.“
„Danke“, war alles was ich herausbekam.
„Lassen sie uns die Angelegenheit schnell bereinigen, damit wir nicht noch mehr Zeit in ihrer Gegenwart verbringen müssen.“
„Die Fotos!“, stöhnte ich.
„Ach genau, zeig ihm doch mal die Bilder.“
Die Frau hielt mir drei Bilder entgegen, die mich bei einer meiner weniger rühmlichen Aktionen zeigten.
Doch ich war erleichtert, ich hatte mir so einiges Schlimmes ausgemalt.
Ich kenn mich schließlich.
Die Erleichterung war nicht nur geistig, auch mein Magen entspannte sich und ließ eine grauenhafte, süßliche, nach Verwesung duftende Gaswolke entweichen, ganz leise aber. Die beiden Erpresser hatten nichts davon bemerkt. Dann allerdings, nach ungefähr 5 Sekunden, rochen sie es. Die Frau begann zu keuchen, der Kerl musste umgehend kotzen.
Ich versetzte der Frau einen Tritt und nahm ihr die Beweisfotos ab. Beide waren immer noch wie betäubt.
Ich begann zu rennen und war auch bald wieder am Bahnhof.
Ich sprang in den erstbesten Zug und entkam.

Zu Hause verbrannte ich die Bilder.
Ich goß mir etwas Listerine ins Glas und trank einen auf meinen Magen.

Ich habs nochmal hochgeladen für alle, die bisher noch nicht in den Genuß kamen.
Radio Betong

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