Es war halb Eins. Das Mobiltelefon und die Klingel versuchten meinen Kopf zum Platzen zu bringen. Meine Augen brannten, mein Körper klebte am Bett. Langsam dämmerte mir was der Grund für die Störung war. Ich hatte mich gestern mit Ernst Habros verabredet. Erinnerungsfetzen: Termin war halb zwölf, wichtig, fantastische Gelegenheit, „ich bin dabei“; war alles was vom Gespräch, gestern Nacht, in meinem Hirn hängenblieb. Der Rest nur noch verschwommen, Bilder ohne Bedeutung.
Ich öffnete dem Störenfried, nahm einen Schluck Wasser aus der Flasche auf meinem Boden. Habros war hereingestürmt und schaute mich entsetzt an. „Was ist hier los? Zieh dich an! Wir müssen los.“
Er reichte mir ein weißes Hemd. Ich war zu schwach um nachzufragen was wir vor hatten. Ich sprang in meine Klamotten und verließ das Haus. Auf dem Weg zum Wagen von Habros fiel mir auf wie ausgeblichen die Pflastersteine im Hof waren.
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Merkwürdig, daß ich diesen Umstand zum ersten Mal bemerkte. Ich erinnerte mich genau wie die Steine aussahen, als sie frisch verlegt worden waren.
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Ich fühlte mich wie einer dieser Steine. Im Wagen bot mir Ernst Habros Frühstück an: Kippe und ACE-Saft. Einen tiefen Zug von der Kippe und aus der Flasche später war ich fast wieder der Alte.
Einer dieser Tage; brutale Hitze, doch Regen liegt in der Luft.
Ich schwitzte vor mich hin, während wir auf der Bundesstraße fuhren. Ich unterbrach unser Schweigen mit meiner Frage nach dem Ziel der Fahrt. Schweigen. Dann zeichnete sich ein dreckiges Grinsen auf dem Gesicht von Ernst ab. „Es wurde wohl noch sehr lustig gestern Abend!“, stellte er fest. Wir seien auf dem Weg zu einem alten Haus, er hätte einen Tipp erhalten, daß dort allelerlei Wertvolles zu verkaufen stehen würde, natürlich zu guten Preisen, der neue Besitzer lasse alles abreißen. Nach einigen Kilometern verließen wir die Bundesstraße. Wir fuhren im Schatten von Bäumen, Habros lenkte den Wagen in eine lange Einfahrt. Vor dem Haus stand ein altes Auto, daneben ein Mann mit Mütze. Er betrachtete unseren Wagen ganz genau. Mürrisch blickte er Ernst Habros an, als dieser ihm ein „Guten Tag“ entgegenschleuderte. „Tag“, bellte er zurück. Habros erklärte, daß wir wegen des Verkaufs gekommen seien. Das verblüffte den Mann, „Wir hatten überall ausgeschrieben der Verkauf findet morgen statt. Aber gut, wenn sie schon mal hier sind. Mir soll’s egal sein, Hauptsache das Zeug kommt weg.“ Ernst Habros hatte seine Kontakte spielen lassen. Dann erklärte der Mann uns, daß nur die drei Scheunen auf dem Gelände betreten werden dürften. Dort aber alles zum Verkauf stehe was wir fänden.
Habros und ich bewegten uns in Richtung der scheunen durch hohes Gras. Ich schwitzte noch mehr, meine Füße kochten. Die Hitze machte mich noch müder als ich ohnehin schon war. Schleppend setzte ich einen Fuß vor den anderen. Im Schatten der Scheune, die am Nächsten zum Haus stand, berieten wir über unser weiteres Vorgehen. Habros schlug vor, jeder solle in einer Scheune sein Glück versuchen und sich dann in der mittleren treffen, um diese gemeinsam zu durchsuchen. Ich war einverstanden. Ich brauchte Ruhe. Außerdem war meine Begeisterung, von gestern Nacht, inzwischen vollständig ausgeschwitzt. Habros wünschte mir viel Erfolg und trabte in Richtung der beiden anderen Gebäude davon. Ich betrat die verwitterte Scheune. Staub in der Luft belegte meine Zunge und verstopfte meine Nasenlöcher. Durch ein Fenster drangen Sonnenstrahlen in den Raum, der Staub, angestoßen durch mein Eintreten, wilde Tänze auf. Meine schmerzenden Augen gewöhnten sich nur langsam an das Dämmerlicht. Doch bald erkannte ich Kisten und Schränke, der Raum war bis an die Decke angefüllt mit Gerümpel. Es sah nach Arbeit aus hier etwas Brauchbares zu finden. Ich war abgeschreckt. Eine Tür führte in einen kleineren Raum, ein alter Herd mit Holzbefeuerung und leere Bierkisten befanden sich darin. Über eine Leiter gelangte man unters Dach. Ich beschloß zuerst nach oben zu gehen.
Unterm Dach lagen hunderte von Latten herum, nichts von Interesse. Die Hitze war unerträglich. Noch mehr Staub in der Luft. Ich schaute mich um, in einer Ecke entdeckte ich Bücher. Alte Wörterbücher. Schweiß aus jeder Pore, mir wurde schwindelig. Ich stütze mich an der Wand und setzte mich auf den Boden. Meine Hände zitterten zwar noch, aber es ging schon besser. Die Hitze machte mich schläfrig, bald schloß ich meine Äuglein und war weg.
Jesus war auferstanden und ich fuhr mit einer Lokomotive durch Getreidefelder. ich befeuerte den Wagen mit Köpfen von Menschen. Am Horizont tauchten Hütten auf, Schweiß rann über mein Antlitz, ich warf einige Köpfe nach, der Zug raste durch die Hüttenkolonie. Rechts und links und vor mir flogen Holzlatten durch die Luft. Ich bekam eines zu fassen, verirrte Seelen versuchten auf die Triebmaschine zu klettern, ich wehrte sie mit der Latte ab und schickte sie zurück auf den Erdboden. Bald war ich so schnell, daß ich über den Rand der Erde hinaus schoß. Ich fuhr direkt in ins Himmelreich. Mein Körper verkochte bei 5778 Kelvin in der Sonne. Jesus kriegte mich nicht mehr zu fassen.
Plötzlich ein Ruf: „Hugo, du Schwein, wo steckst du?“. Ich war zurück in der Realität. Als ich meine Augen öffnete rann Schweiß hinein, es brannte. Ich war naßgeschwitzt; mein Hemd – voller Schmutz. Ich wußte nicht wo ich war. Ich erblickte die Wörterbücher und ergriff sie reflexartig.
Habros’ Kopf tauchte aus der Luke, die nach unten führte, auf. „Komm schon, wir müssen gehen. Es ist schon halb 9.“ Er beäugte mich, als wir zurück zu seinem Auto liefen. Ich hatte die Wörterbücher unter meinem Arm. Ob das meine ganz Beute sei, fragte Habros mich höhnisch. Ich nickte, noch immer schlaftrunken. Er prahlte von all den Sachen, die er gefunden hatte und wie teuer er sie verkaufen könne. Es interessierte mich nicht.
Ich werde die Bücher behalten, in letzter Zeit fehlten mir oft Worte.