Archiv nach Monaten: November 2009

Ein Vorwort von Ernst Habros:
HugoMontenegro war mal wieder zu faul seine Reisetagebücher geordnet zu schicken, deshalb folgen hier, auf diesem Blog, nun die Berichte von seiner Forschungsreise in ungeordneter Reihenfolge, beginnend mit „Taxifahrt in B.“:

Fünf Schritte, meine Augen brennen, meine Lippen schmecken salzig von all dem Schweiß. Ich stoppe ein Taxi, gebe mein Bestes um dem Taxifahrer, in seiner Sprache zu erklären wohin ich möchte. Er sieht mich ungläubig an, macht Handzeichen, ich setze meine Sonnenbrille ab, nicke, bejahe, in der mir fremden Sprache. Meine Kontaktperson vor Ort hatte gesagt mein Ziel sei nicht weit entfernt; doch was heißt das schon, in einer Stadt in der man für einen Kilometer manchmal eine Stunde braucht. Aus dem Radio dröhnt eine Talksendung, ich verstehe nur zusammenhangslose Brocken, unterbrochen von dem dämonischen Lachen des Moderators.
Die Klimaanlage trocknet meinen Schweiß. Ich setze die Sonnenbrille wieder auf, der kalte Luftstrom schmerzt in den Augen. Ich schnüffle am Mentholinhalator, um meine Nase vom Gestank der Stadt zu befreien. Blick auf den Taxi-Meter: 5 Kilometer. Stau. Sing-Sang aus dem Radio. In meinem Magen rumort die Frühstückssuppe mit Bier. Bier ist gut hier, schmeckt nach zu Hause und hilft beim Verstehen. Ich lächle den Taxifahrer an, er lächelt zurück, Es geht weiter, der Fahrer vor uns ist am Steuer eingeschlafen. Hupkonzert. Er wacht auf. Würgt den Wagen ab, schafft es schließlich doch. Endlich wieder in Bewegung. Wer rastet der rostet oder wird überfallen. Der Jetlag will, daß ich schlafe, doch ich traue dem Taxifahrer, allgemein diesen unverständlichen Leuten, nicht, zwinge mich wach zu bleiben. Wer weiß wo er ich mich hinbringt, wenn ich Schwäche zeige. Lächeln, die Uhr blinken lassen. Wieder Stau. „Traffick Dschäm“, verrenkt der Taxifahrer seine Zunge. Stille. Unangenehm für mich. Der Fahrer liest Zeitung. Plötzlich, er zeigt auf seine Zeitung, „Futbal“ „Jerman“, ich nicke, gebe zu verstehen, daß ich aus dem Land des Fußballsport komme, erwähne, natürlich, nicht, daß ich davon wenig Ahnung habe, nutze meine beschränkten Sprachkenntnisse für soviel Plauderei wie möglich. In „Jermany“ hätte ich keine Lust darauf, hier freue ich mich. Er erzählt, daß er nie eine Schule besucht hat, aber eine Frau mit zwei Kindern, nicht gut, „memi dang memi dak dak“, „kein Geld kein Sex“, eine universelle Wahrheit.
Es geht weiter, wieder Schweigen, das Verkehrschaos nimmt meine Aufmerksamkeit gefangen. Der Fahrer steuert den Wagen durch die kleinste Lücke in der Metallmasse der Fahrzeuge. Ob wir noch richtig sind, ich weiß es nicht. Draußen lächeln mir von Werbeplakaten glückliche Paare entgegen, die Whisky anpreisen.
-Ich werde gebeten, angefleht, bedroht, weniger zu trinken, ich lächle, schweige, schenke Bier nach-
Inzwischen fahren wir seit einer Stunde. Ich werde ungeduldig. Das Geduddel aus dem Radio nervt. Gerade mal 15 Kilometer gefahren. Mißtrauen. Wir fahren und fahren. Vorbei an Brücken, unter denen Menschen leben, auf der anderen Seite leben die Reichen in Festungen, aus denen sie sich nur in gepanzerten Geländewagen trauen. Vorbei an Geisterhäusern, die man errichten muß bevor man ein Gebäude auf freiem Grund errichtet. Schließlich braucht der Geist, der vorher dort gewohnt hat, auch eine Bleibe. Köter überall. Den Gestank der Armen riechen auch die Reichen. Das Land des ewigen Lächelns hat ein Pockengesicht. Ich will rauchen, Bier trinken, Whiskyflaschen kaufen, Schmerz betäuben. Aber die Stadt zeigt auch für Weiße keine Gnade. Hunderttausend Seelen verschlingt sie jeden Tag, die Weißen quält sie meist nur- sonst Aufschrei in den kulturbestimmer Nationen: Gerechtigkeit. Eineinhalb Stunden Fahrt. Immer noch nicht am Ziel. Kann ich meinem Fahrer trauen?!
Natürlich nicht, auch nur einer, der mein Geld und meine Organe will und meine Haut. So schön weiß. Kampflos bekommt er sie nicht. Bin aber zu erschöpft zum Kämpfen. „Sollte mir einen Kämpfer kaufen.“
Wir biegen um eine Kurve. Angekommen!
Freundlich lächelt mein Fahrer. Fahrtpreis viel zu billig. Mein schlechtes Gewissen beruhige ich mit einem exorbitanten Trinkgeld. Verdammte weiße Angst!
Die Reue spüle ich mit Bier weg.

An einem der letzten Augusttage besuchte ich Professor Edelgut im Sanatorium, in das er nach seinem Hirnschlag gebracht wurde. Die, „Sonnenblick“ genannte, Anstalt war eine jener Einrichtungen, in die man von seinen zukünftigen Erben zum Sterben verfrachtet wird, ihnen aber nicht böse sein darf, weil man es schließlich so nett und schön hat.
Nach einer kurzen Fahrt, in der Taxe, durch ein kleines Wäldchen, war ich bereits auf dem Gelände des Sanatoriums. Weite Grünflächen, auf denen vereinzelt Eichen Schatten spendeten. Ein Teich, dahinter der beigefarbene Anstaltsbau. „Nett, wirklich nett.“, dachte ich bei mir und erschauderte bei dem Gedanken, daß man einen solch herausragenden Wissenschaflter, in diese öffentlich-rechtliches Vormittagsprogramm-Idylle gesteckt hatte.
„Ungewöhnlicher Name! Was machen sie eigentlich beruflich, Herr M.?“ „Assistent. Ich sagte ihnen doch, ich bin auf Wunsch des Professors hier.“ Ich schwitzte in Strömen, wie immer bei solch peinlichen Befragungen, als die Dame an der Rezeption mich ausquetschte. „Sie müssen verstehen, wir sind hier sehr auf das Wohl unserer Patienten bedacht.“
Das waren sie wirklich wie ich mich kurze Zeit später selbst überzeugen konnte. Pflegerin Irma brachte mich zum Professor, der im Anstaltsgarten unter einer der Eichen saß, einen halb aufgegessenen Kuchen und eine leere Champagnerflasche vor sich auf dem Tisch, dazu zwei Gläser eines halb gefüllt, das andere leer, neben sich ein Sektkühler, in dem sich eine weitere Flasche Champagner befand. Er trug einen braungestreiften Pyjama. Edelgut summte „Hoch auf dem gelben Wagen“.
„Hier für sie. Lassen sie mich einige Zeit allein mit dem Professor.“, sagte ich und wollte Irma einen 50er zustecken. Sie brach mir fast die Hand und entgegnete:“Behalten sie den, sonst können sie sich doch nicht mal das Taxi nach Hause leisten.“ Ein funkelnder Blick, ich deutete ihn als Zeichen der Sympathie. Dann ging sie weg, zu einem der anderen Patienten, die sich im Garten befanden.
„Hugo, alter Schwerenöter, schön, daß sie es geschafft haben.“, lallte der Professor, vom Alkohol angeschlagen, vom Hirnschlag halbseitig gelähmt. Mit zittrigen Händen reichte er mir das leere Glas. Ich schenkte uns beiden ein und schnitt ein Stück Kuchen für mich. Ich beneidete den Professor. Der Kuchen war gut. „Selbstgebacken?“, fragte ich schmatzend. „Ja, von meiner nichtsnutzigen Nichte. Die hab ich heut Morgen davon gejagt. Elende Bande.“ Er spuckte beim Sprechen, Speichelreste in den Mundwinkeln. „Hören sie, Hugo, sie sind nicht hier um über meine Verwandten zu quasseln. Mein Gehirnschlag hat mir die Augen geöffnet. Ich werde ihnen meine neuste Erkenntnis verraten: Es gibt Paralleluniversen!“. Der Professor schrie. Pflegerin Irma lukte zu uns rüber. „Ich muss leise sein, sonst gibt’s wieder Ärger. Die Wahrheit wird hier nicht geschätzt.“, beruhigte sich Edelgut selbst. Ich aß Kuchen.
„Wir können sie sogar betreten, anschauen, ihr Wissen nutzen.“, fuhr er fort. „Das Werkzeug dafür sind Träume. Im Traum liegt die Macht!“. Er schrie wieder. Irma kam herüber. „Wenn jetzt nicht augenblicklich Ruhe einkehrt werf ich sie raus!“, schnauzte sie in meine Richtung. Ich konnte nichts antworten. Ich hatte gerade einen weiteren Bissen Kuchen genommen und mit Champagner nachgespült. Der köstliche Brei raubte mir die Fähigkeit zu sprechen. Irma ging wieder weg.
Der Professor nahm seine Rede wieder auf: „Sehen sie, ich habe diese Pillen entwickelt, mit denen können sie sich in den gamma-Schlaf versetzen,“, er reichte mir eine Pillendose,“in diesem Zustand sehen sie klar, was auf der anderen Seite vor sich geht. Es gibt nur eine Haken, sobald man die Anderen gesehen hat, wird deren Universum unwiederbringlich zerstört. Aber was kümmert das uns! Für die Wissenschaft! Außerdem droht uns keine Gefahr solange die nicht auch diese Pillen entwickeln!“. Er wurde wieder laut.
Irma kam wieder. Dieses Mal sagte sie nichts, sondern packte mich sofort am Arm und zog mich aus dem Stuhl, schleifte mich den kompletten Weg zum Eingangstor.
„Denken sie daran Träume sind ein Fenster in andere Universen!“, schrie der Professor mir noch nach.
2 Tage später wachte ich zu Hause auf. Ohne Erinnerung, die leere Pillendose neben meinem Kopf.

Schlaf war schon lag nicht mehr erholsam.
Rauch vor meinen Augen, schöne Halluzination.

Jede neue Idee ist die Kopie einer Kopie einer Kopie unendlich.

Nie wieder Neues.

Alles beim Alten.
Ich bin der neue Alte.
Oder doch nicht?

Wer ist wirich?
Du!

Letzte Nacht erschien mir im Traum der Statiker. Um ihn herum explodierten die Köpfe von Männern. Auch meiner drohte zu platzen. Mit meinen Händen drückte ich ihn zusammen, um dies zu verhindern.
Ich fragte ihn warum er so zufrieden aussehe.
Er antwortete: „Ich trage den perfekten Männerhut, zwei Möwen aneinander.“

Der Perfekte Männerhut