Ein Vorwort von Ernst Habros:
HugoMontenegro war mal wieder zu faul seine Reisetagebücher geordnet zu schicken, deshalb folgen hier, auf diesem Blog, nun die Berichte von seiner Forschungsreise in ungeordneter Reihenfolge, beginnend mit „Taxifahrt in B.“:
Fünf Schritte, meine Augen brennen, meine Lippen schmecken salzig von all dem Schweiß. Ich stoppe ein Taxi, gebe mein Bestes um dem Taxifahrer, in seiner Sprache zu erklären wohin ich möchte. Er sieht mich ungläubig an, macht Handzeichen, ich setze meine Sonnenbrille ab, nicke, bejahe, in der mir fremden Sprache. Meine Kontaktperson vor Ort hatte gesagt mein Ziel sei nicht weit entfernt; doch was heißt das schon, in einer Stadt in der man für einen Kilometer manchmal eine Stunde braucht. Aus dem Radio dröhnt eine Talksendung, ich verstehe nur zusammenhangslose Brocken, unterbrochen von dem dämonischen Lachen des Moderators.
Die Klimaanlage trocknet meinen Schweiß. Ich setze die Sonnenbrille wieder auf, der kalte Luftstrom schmerzt in den Augen. Ich schnüffle am Mentholinhalator, um meine Nase vom Gestank der Stadt zu befreien. Blick auf den Taxi-Meter: 5 Kilometer. Stau. Sing-Sang aus dem Radio. In meinem Magen rumort die Frühstückssuppe mit Bier. Bier ist gut hier, schmeckt nach zu Hause und hilft beim Verstehen. Ich lächle den Taxifahrer an, er lächelt zurück, Es geht weiter, der Fahrer vor uns ist am Steuer eingeschlafen. Hupkonzert. Er wacht auf. Würgt den Wagen ab, schafft es schließlich doch. Endlich wieder in Bewegung. Wer rastet der rostet oder wird überfallen. Der Jetlag will, daß ich schlafe, doch ich traue dem Taxifahrer, allgemein diesen unverständlichen Leuten, nicht, zwinge mich wach zu bleiben. Wer weiß wo er ich mich hinbringt, wenn ich Schwäche zeige. Lächeln, die Uhr blinken lassen. Wieder Stau. „Traffick Dschäm“, verrenkt der Taxifahrer seine Zunge. Stille. Unangenehm für mich. Der Fahrer liest Zeitung. Plötzlich, er zeigt auf seine Zeitung, „Futbal“ „Jerman“, ich nicke, gebe zu verstehen, daß ich aus dem Land des Fußballsport komme, erwähne, natürlich, nicht, daß ich davon wenig Ahnung habe, nutze meine beschränkten Sprachkenntnisse für soviel Plauderei wie möglich. In „Jermany“ hätte ich keine Lust darauf, hier freue ich mich. Er erzählt, daß er nie eine Schule besucht hat, aber eine Frau mit zwei Kindern, nicht gut, „memi dang memi dak dak“, „kein Geld kein Sex“, eine universelle Wahrheit.
Es geht weiter, wieder Schweigen, das Verkehrschaos nimmt meine Aufmerksamkeit gefangen. Der Fahrer steuert den Wagen durch die kleinste Lücke in der Metallmasse der Fahrzeuge. Ob wir noch richtig sind, ich weiß es nicht. Draußen lächeln mir von Werbeplakaten glückliche Paare entgegen, die Whisky anpreisen.
-Ich werde gebeten, angefleht, bedroht, weniger zu trinken, ich lächle, schweige, schenke Bier nach-
Inzwischen fahren wir seit einer Stunde. Ich werde ungeduldig. Das Geduddel aus dem Radio nervt. Gerade mal 15 Kilometer gefahren. Mißtrauen. Wir fahren und fahren. Vorbei an Brücken, unter denen Menschen leben, auf der anderen Seite leben die Reichen in Festungen, aus denen sie sich nur in gepanzerten Geländewagen trauen. Vorbei an Geisterhäusern, die man errichten muß bevor man ein Gebäude auf freiem Grund errichtet. Schließlich braucht der Geist, der vorher dort gewohnt hat, auch eine Bleibe. Köter überall. Den Gestank der Armen riechen auch die Reichen. Das Land des ewigen Lächelns hat ein Pockengesicht. Ich will rauchen, Bier trinken, Whiskyflaschen kaufen, Schmerz betäuben. Aber die Stadt zeigt auch für Weiße keine Gnade. Hunderttausend Seelen verschlingt sie jeden Tag, die Weißen quält sie meist nur- sonst Aufschrei in den kulturbestimmer Nationen: Gerechtigkeit. Eineinhalb Stunden Fahrt. Immer noch nicht am Ziel. Kann ich meinem Fahrer trauen?!
Natürlich nicht, auch nur einer, der mein Geld und meine Organe will und meine Haut. So schön weiß. Kampflos bekommt er sie nicht. Bin aber zu erschöpft zum Kämpfen. „Sollte mir einen Kämpfer kaufen.“
Wir biegen um eine Kurve. Angekommen!
Freundlich lächelt mein Fahrer. Fahrtpreis viel zu billig. Mein schlechtes Gewissen beruhige ich mit einem exorbitanten Trinkgeld. Verdammte weiße Angst!
Die Reue spüle ich mit Bier weg.
