Es war wieder diese Zeit des Monats – Geld knapp, die Automaten machten nicht auf und die üblichen Betrügereien brachten nichts ein.
Also ging ich los mir eine Möglichkeit zu suchen ohne großen Aufwand an etwas Kapital zu kommen. Eine Anstellung, selbst wenn nur für vier Wochen, schloss ich kategorisch aus. Körperliche Arbeit sowieso.
Meine Wahl fiel schließlich auf eine Reihe medizinischer Versuche. Was genau erforscht werden sollte weiß ich nicht mehr. Aber 40 Euro für zwei Stunden Rumsitzen schienen mir angemessen. Kurz nach 14 Uhr betrat ich den grauen Zweckbau. Meine Kleidung vom Nieselregen feucht. Es wurde angenehm wenig gesprochen, nachdem die erforderlichen Dokumente unterzeichnet waren. Die Messreihe uninteressant. Immer wieder wurden Dioden an meinen Schädel angelegt. Hin- und wieder wurde wohlschmeckendes, stilles Wasser gereicht. Ich war zufrieden gelangweilt. Zwei Stunden später, um etwa halb fünf Uhr, zahlte eine Frau am Eingangstresen mir die 40 aus. Ich quittierte den Erhalt der Summe und ging meiner Wege.
Um 18 Uhr stand ein Treffen mit Habros an. Die verbleibende Zeit lief ich ziel- und planlos durch die Straßen. Manchmal blieb ich stehen um ein besonders interessantes Gebäude zu betrachten, dabei rauchte ich. Ungewohnt pünktlich betrat ich fünf nach sechs die Spelunke, die Habros als Treffpunkt ausgewählt hatte. Er saß am Tisch in der Ecke mit einem mir unbekannten Mann ins Gespräch vertieft. Bevor ich mich an den Tisch setzte bestellte ich Bier und Schnaps an der Theke. Habros, der Unbekannte und ich waren die einzigen Gäste. Ich nahm Platz, Habros nickte kurz, vollendete seinen Satz mit:“… sie sehen also wie wichtig diese Angelegenheit ist.“, daraufhin stand der Unbekannte auf, verabschiedete Habros mit Handschlag und ging, ohne mit mir einen Blick oder ein Wort gewechselt zu haben.
Ernst Habros nahm einen Schluck von seinem Getränk, dann wandte er sich mir zu: „Was führt dich in die Stadt? Geld, Schnaps oder beides?“. Ich brummte eine Antwort. Der Vorabend verlief ereignislos. Ich trank Bier um Bier, die meiste Zeit schwiegen wir uns an. Nachdem ich das zweite Mal am Tisch eingeschlafen war, bot mir Habros an in seinem Büro zu übernachten. Widerwillig stimmte ich zu. Der Wirt erleichterte mich um die Hälfte meines Einkommens. Ich fragte nach der Uhrzeit. Wortlos zeigte mir der Wirt seine schwarze Plastikuhr mit weißem Zifferblatt. Schon beim Hochsehen hatte ich vergessen wie spät es war.
Leicht schwankend verließ ich die Bar. Gesenkten Hauptes schlich ich Richtung Büro. Regentropfen prasselten auf die Kapuze meines Anoraks. Das Geräusch erinnerte mich an das Schlagen des Sekundenzeigers einer Standuhr.
Endlich am Bürogebäude angekommen, stolperte ich in den Nachtportier. Erbost fuhr er mich an, was ich um diese Uhrzeit im Hause zu schaffen habe. Dabei klopfte er mehrmals mit seinem rechten Zeigefinger auf das Plastik seiner Armbanduhr. Ich erklärte ihm den Fall und wedelte, zur Bestätigung, daß ich wirklich hier sein durfte, mit dem Schlüssel von Habros vor seiner Nase herum. Er ließ mich schließlich durch. Im Büro legte ich mich unter dem Schreibtisch ab.
Am nächsten Morgen wachte ich stark zerknittert auf, es dauerte kurz bis ich wusste wo ich war. Der hintere Teil meines Schädels fühlte sich taub an. Beim Aufstehen leichter Schwindel, meine Augen schielten. Ich kramte in der Schublade des Schreibtisches und fand bald eine kleine Flasche, die ich für trinkbar hielt. Ich nahm einen Schluck, den ich sofort wieder ausspie. Es war Parfüm. Ich lief kurz im Kreis, um mich zu beruhigen, dabei Flüche ausstoßend. Ich musste dringend aus dem Büro verschwinden. Kurze Zeit später stand ich auf der Straße, im anhaltenden Nieselregen. Wieder Schwindel, Höhenangst. Ich hielt mich an der regennassen Betonmauer, die den Bürokomplex umgab, fest. Ich fischte nach einer Zigarette. Das Inhalieren des Rauchs holte mich zurück.
Ich machte mich auf den Weg. Zurück zur Behausung. Dort wollte ich über einen Ausweg aus meiner wieder fast geldlosen Existenz nachdenken. In meiner von Schweiß und Regen klammen Kleidung machte ich mich auf den Weg zur Bahn. Ich wollte zurück in mein Bett.
In der Bahn betrachtete ich noch kurz meine Hülle in der Spiegelung des Fensters. Dann traumloser Schlaf. Ich wurde wach gerüttelt. Instinktiv holte ich meinen Geldbeutel aus der Jacke, dachte an eine Fahrkartenkontrolle. Aber vor mir stand ein armselig aussehender Mann. Er redete auf mich ein. Dabei hielt er mir eine billig aussehende Plastikuhr ins Gesicht. Er wollte mir diesen Schrott verkaufen. Ich winkte ab. Er erklärte mir die Vorzüge seines Produkts. „Nie wieder zu spät, nie wieder einen Termin verpassen, immer das aktuelle Datum“. Ich war zu müde um mich zu begeistern. Er hörte nicht auf zu reden. Ich war wehrlos gegen seinen Redeschwall. Kraftlos versuchte ich ihn von mir wegzudrücken.
Er gab endlich auf und schlich davon. Ich warf einen Blick aus dem Fenster um mich zu orientieren. Mir wurde heiß, ich hatte den Bahnhof schon vor etlichen Stationen verpasst.
An der nächsten Haltestelle stieg ich aus. Ein Summen in meinen Ohren, bedrohlich anschwellend. Schwarze Punkte, die immer größer wurden, vor Augen. An einer Wand sank ich nieder und verlor das Bewußtsein.
Als ich wieder die Augen öffnete stand eine Frau vor mir. Sie reichte mir eine Flasche mit stillem Wasser. Es schmeckte ganz köstlich. Sie fragte ob alles in Ordnung sei mit mir. Ich bejahte. Sie half mir noch auf die Beine, dann entschwand sie in die einfahrende Bahn. Ich ging an die Oberfläche. Ich blickte mich um. Im Nebel erkannte ich die Umrisse des grauen Zweckbaus, in dem die medizinischen Tests durchgeführt wurden. Die Straßen menschenleer. Ich blickte auf meine schwarze Plastikuhr am linken Handgelenk. Sie war stehengeblieben.
